Begegnungen

Im Laufe meines Freiwilligendienstes wurde mir immer deutlicher, dass es die Begegnungen und Bekanntschaften mit den Menschen sind, die meinen Aufenthalt hier so wertvoll machen.

Ich habe die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt und jeder bringt eine andere, interessante Geschichte mit sich. Die Vielfalt im Regenbogenland Südafrika ist immens und überwältigt mich immer wieder aufs Neue. Geprägt von der langen und immer noch präsenten Geschichte des Landes, sind viele Menschen auf der Suche nach ihrer Identität. Unschlüssigkeit der Unterschied an Persönlichkeiten und Charakteren führen häufig zu der Problematik, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Um wenigstens einen Teil dieser Erfahrungen zu teilen, möchte ich beginnen, über genau diese Menschen zu schreiben. Menschen, die mir ihre Geschichte erzählen und somit ein Puzzleteil zum Ganzen Südafrikas ausmachen.

Ich möchte mit einer Freundin beginne, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Ihr Name ist Lauren und sie befindet sich gerade im zweiten Jahr ihres Bachelor of Arts Studiums an der Rhodes Universität in Grahamstown. Kennengelernt haben wir uns bei einer Schwimmstunde von Kingswood, da sie in dem Internat der Schule als Betreuerin wohnt. Dies bietet die Chance, neben dem Studium kostenlose Unterkunft und Verpflegung zu erhalten.

Lauren wurde in Zimbabwe geboren und verbrachte dort die ersten zehn Jahre ihres Lebens. Ihr Vater hat britische und zum Teil auch irische Vorfahren, was ihn immer mehr dieser Kultur zugehörig fühlen lies. Ihre Mutter stammt aus Südafrika und hat hauptsächlich südafrikanische Verwandte, jedoch führen ihre Wurzeln nach Schottland.
In Zimbabwe besuchte Lauren zunächst eine staatliche Schule, da diese im Gegensatz zu den privaten Schulen, nicht europäisch orientiert war. Dort konnte man die einheimischen Sprachen Zimbabwes lernen. Es war nicht üblich, als weiße Familie, die Kinder auf eine staatliche Schule zu schicken, weshalb Laurens Eltern von Freunden als verrückt erklärt wurden.

Als Lauren in der dritten beziehungsweise vierten Klasse war, veränderte sich das Schulsystem. Dies führte dazu, dass kaum noch Lehrer unterrichteten und dadurch sehr viel Unterricht ausfiel. Lauren erinnert sich, im Klassenraum mit Klassenkameraden gesessen zu haben und aus Langeweile Zigaretten aus Papier gebastelt zu haben. Die ganze Situation verunsicherte die Eltern enorm.

Dadurch aber, dass private Schule sehr beliebt sind und manche Eltern ihr Kinder schon während der Schwangerschaft an jenen Schulen anmelden, war es unmöglichen, eine für Lauren zu finden. So verließ sie die Schule, ohne Aussicht auf einen Platz in einer anderen Schule. Für drei Monate ungefähr erhielt sie Privatunterricht. Die neue Art von Unterricht verunsicherte sie sehr, da der Fokus nun ganz allein auf ihr lag und sie vorher überhaupt nicht gefordert war. Dies führte auch zu jeder Menge Druck, jedoch empfindet Lauren es im Nachhinein als hilfreich, da sie so den Stoff, den sie zuvor versäumt hatte, aufarbeitete.
Durch jene Lehrerin gelangte sie letztendlich an einen Platz in der Privatschule. Diese war sehr teuer und für die „reichen, weißen kids“. Lauren erinnert sich, dass sie mit ihrem Namen nicht allein war, sondern die Schule voll von „Laurens“ war.
Zum Ende der fünften Klasse zog die Familie nach Johannesburg in Südafrika. Die wirtschaftliche Situation in Zimbabwe verschlimmerte sich täglich. Was morgens noch zehn Dollar kostete, kostet abends schon das zehnfache. Außerdem erhielt Laurens Mutter ein vielversprechendes Jobangebot.

Durch das neue soziale Umfeld hatte Lauren Schwierigkeiten anzukommen. Durch die entwickeltere Wirtschaft erlebte Lauren einen großen Hype um Konsum, den sie so nie in Zimbabwe erlebt hatte. Und das, obwohl sie eine staatliche Schule besuchte.
Auch dem Rest der Familie fiel es schwer, Freunde zu finden und sich einzuleben. Durch die Einsamkeit wuchs die Familie stark zusammen, die neben Lauren noch einen vier Jahre jüngeren Sohn hat. In Johannesburg wirkte es, als sei jeder unterwegs auf eigener Mission und nicht so sehr am Mitmenschen interessiert.

Vor allem Laurens Mutter litt unter dieser Atmosphäre. Nachdem beide Eltern kurzzeitig arbeitslos waren, erhielt der Vater einen objektiv betrachteten „Traumjob“. Jedoch litt die Familie sehr unter dem dadurch für den Vater beinhalteten Reisen.
So kamen sie zu dem Schluss, dass es so nicht weitergehen könne. Die Suche nach einer kleinen Stadt mit englischsprachiger Schule führte sie nach Graaf-Reinet im Eastern Cape. Diese ist die Heimatstadt Laurens Mutter. Als sie Graaf-Reinet verließ, schwor sie sich, nie wieder in diese kleine Stadt zurück zu kehren. Trotzdem zogen sie, ohne Perspektiven oder Sicherheiten dorthin. Dort gründeten sie eine Versicherungs- und Buchhaltungsfirma, die bis heute noch existiert. Sie zogen mehrfach um, bis sie schließlich ihren Platz in einem netten Haus fanden.
Lauren besuchte nun die englischsprachige staatliche Schule, an der sie ihr Matric absolvierte. Der Familienzusammenhalt, der in Johannesburg so gestärkt wurde, blieb weiterhin bestehen. Die Eltern sind immer noch sehr engagiert an der örtlichen Schule und unterstützen ihre Kinder sehr.

Nachdem sie nun die Schule erfolgreich absolviert hatte, stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte. Sie bewarb sich zwar bei Universitäten und wurde auch von der Rhodes Universität angenommen, jedoch wollte sie Erfahrungen außerhalb der Schulbank machen. So bewarb sie sich bei einem Programm, das junge Menschen für ein Jahr nach England begleitet und die Chance gibt, eine andere Kultur kennenzulernen. Leider wurde sie dort abgelehnt, aber war sich nun sehr sicher, nicht sofort mit dem Studium beginnen zu wollen, sodass sie sich für ein sogenanntes „Gapyear“ in Südafrika umsah. Ihr Weg führte sie zu einem Leadership Kurs in dem an der Ostküste gelegenen Jeffreys Bay. Ein Jahr lebte sie dort mit Christen zusammen, die ebenfalls eine Auszeit nahmen, um sich weiterzuentwickeln.
Als Lauren dann für das nächste Jahr für ein Auslandsjahr in England angenommen wurde, fand sie sich in einem Dilemma wieder. Einerseits war dies eine einmalige Gelegenheit, andererseits sah sie an ihren Freunden, wie diese ihre akademische Laufbahn verfolgten und sie selbst nicht einmal begonnen hatte.
Da diese Chance so verlockend war, nahm sie an und bereute keine Sekunde dieses Jahres.
In dem Jahr hat sie sich persönlich weiterentwickelt und ihre Leidenschaft für das Reisen entdeckt.
Nach dem Jahr begann sie dann in dem vier Stunden von ihrer Heimatstadt entfernten Grahamstown zu studieren.
Nicht nur die zwei Jahre Auszeit, sondern auch ihr Studium regten und regen sie immer wieder dazu an über ihre Identität nachzudenken. Im Studium geht es oft um die Identitätssuche von Menschen, die unterdrückt wurden oder unter dem Postkolonialismus leiden.
Besonders Lauren fällt es schwer eine länderspezifische Identität zu finden. Unter anderem aufgrund ihrer Hautfarbe fällt es ihr immer noch schwer sich südafrikanisch zu nennen, obwohl sie eine südafrikanische Geburtsurkunde hat (kann man in Südafrika auch erhalten, wenn man nicht direkt dort geboren wurde).
Aber auch Zimbabwe kann sie nicht als Heimat bezeichnen, auch wenn sie dort die Hälfte ihres Lebens gewohnt hat. Jedoch lernt sie immer mehr, dass genau diese Vielfalt an Herkunft und diese Rastlosigkeit typisch für viele Menschen in Afrika ist. Besonders in Südafrika leben vielen Menschen, die europäische Wurzeln haben, aber persönlich nichts mehr mit Europa zu tun haben, da sie ihr ganzes Leben in Südafrika verbrachten. Der Fakt, keine afrikanische Sprache zu lernen, da neben Englisch nur das holländisch ähnliche Afrikaans zwingend belegt werden muss, nimmt einen großen Teil der Kulturzugehörigkeit. Vor allem, da Afrikaans immer noch eng im Zusammenhang mit den Unterdrückern der Apartheid steht.
An der Universität werden immer mehr afrikanische Sprachen angeboten. In dem Fach Linguistik spricht man sehr viel über diese im Allgemeinen, aber man kann auch beispielsweise isiXhosa lernen. Lauren hat gerade begonnen diese komplexe Sprache zu lernen und taucht somit auch weiter in die Kultur dieser Region ein. Auch liest sie aufgrund des Studiums viel transnationale Literatur, die genau diese Problematik anspricht. Im Fokus liegt auch das Zurechtfinden in einer anderen Umgebung, einer neuen Heimat.

Auf die Frage, wo sie ihre Zukunft sieht, kann Lauren nur die Schultern zucken. Sie liebt Afrika und dessen Vielfalt, jedoch möchte sie alle Gelegenheiten nutzen und
Gerne möchte sie mehr ein Teil der afrikanischen Gesellschaft werden. Durch die Vielfalt ist dies zwar schwer, aber nicht unmöglich. Es benötigt mehr Zeit, aber macht die Gemeinschaft umso interessanter und wertvoller.
Man kann es fast als einen Trend beschreiben, den man vor allem an der Universität sehen kann, dass die Menschen versuchen, anders zu sein. Es beginnt bei dem Kleidungsstil und ihrem Auftreten. Die Wurzeln aber liegen in der Vielfalt der Herkunft und Identität. Diese reichen von anderen Ländern in Afrika über Inder und andere Ausländer aller Kontinente. Nicht zuletzt, wie ich nur für kurze Zeit.
Das zeigt auch, dass es nicht nur die Menschen hier betrifft, mit der Identitätssuche konfrontiert zu werden. Im Grunde stellt sich jeder die Frage, wer man sei. Selbstverständlich beeinflusst die sich ausbreitende Globalisierung diese Tatsache mehr und mehr.

Zu der Identität gehört für Lauren nicht nur die Herkunft, sondern auch die spirituelle Zugehörigkeit. Sie ist eine überzeugte Christin. Ihrer Meinung nach wollen viele Menschen die Identität fassen, sodass sie dem Materialismus verfallen und sich Dinge kaufen, die ihre vermeintliche Identität ausmachen.
Auch ihre zukünftige Arbeit soll teil ihrer Philosophie in der Hinsicht sein. Sie möchte „gutes tun“, denn Identität sei, was man macht. Man brauche immer ein Grundlage der Identität, jedoch solle es nichts vergängliches sein. Zwischenmenschliche Beziehungen seien beispielsweise eine gute Grundlage, denn diese geben Stabilität und Kontinuität.

Im Township habe ich schon mehrfach teure Schuhe an den Stromleitungen hängen gesehen. Diese werden dorthin gehängt oder teure Autos werden verbrannt, um zu zeigen, dass man diese teuren Sachen nicht braucht. Leider steht es zum großen Teil auch dafür, dass man sich genau diesen Materialismus leisten könne.

Am Ende unserer Unterhaltung erwähnt Lauren noch, dass es ihr sehr wichtig ist, ihr selbst genug zu sein. Oft werde die Identität auf Äußerlichkeiten reduziert und man ist nie hübsch genug. Dabei fängt Identität immer bei einem selbst an.

Identitätssuche findet man überall, es betrifft jeden Menschen und vor allem die Sinn Suche im Leben besteht aus der Identitätssuche. Es ist ein anhaltender Prozess, der das Leben der Südafrikaner, wie ich sie kennengelernt habe, dauerhaft begleitet.
Besonders die Philosophie darüber, das anders sein auszuleben, anstatt zu verstecken

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